Hallo Frau Gesundheitsministerin,

guten Tag, sehr geehrte Frau Ulla Schmidt!

Bisher habe ich es mir verkniffen, Ihnen Briefe zu schreiben, doch nun muss es endlich sein, denn heute ist mir kräftig der Draht aus der Mütze gesprungen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Also, heute habe ich der AOK einen Besuch abgestattet und kann mehr denn je verstehen, warum Ihnen das Geld ausgeht und Sie die Versicherten mehr und mehr schröpfen müssen.

Punkt acht Uhr in der Früh öffnete sich die Pforte der renovierten und ziemlich feudal umgebauten Zweigstelle der Gesundheitskasse. Am Anmeldeschalter war ich die dritte Besucherin, trug mein Anliegen vor und wie die beiden Herrschaften vor mir wurde auch ich gebeten, einen Moment Platz zu nehmen, bis man mich aufrufen würde.

Also setzte ich mich, schaute mich im Kundencenter um, bewunderte die riesengroßen Grünpflanzen, die als Raumteiler fungieren, zählte zwölf hochmoderne PC-Arbeitsplätze für die AOK-Mitarbeiter und wunderte mich, warum nur vier Schreibtische nach Benutzung aussahen. Zwischenzeitlich wuchs die wartende Besuchermenge und zehn nach acht Uhr hatten sich bereits 15 Damen und Herren in die Warteschleife eingereiht und es kamen immer mehr und die Dame an der Anmeldung hatte alle Hände voll zu tun.

Durch die Raumteiler hindurch konnte ich sehen, dass ein AOKler im gelben Hemd an seinem Schreibtisch saß und sich genüßlich räkelte. Okay,  in diesen spannenden Fußball-WM-Zeiten können die Nächte schon mal verdammt kurz sein! Um ihn scharrten sich drei lachende und schwatzende Damen, die sich an ihren Kaffeepötten festhielten und sich erst nach weiteren zehn Minuten gemütlich ihren Schreibtischen näherten. Fünf Minuten vor halb Neun wurden dann die ersten drei Besucher namentlich aufgerufen und an die Tische der AOK-Mitarbeiter gebeten.

Meine Kontaktperson rückte ihr Namensschild gerade, klimperte auf ihrer Computertastatur herum, sagte beiläufig guten Morgen und dann nach einem kleinen Weilchen: „Was kann ich für Sie tun?“  Ich zückte meinen „Antrag auf Befreiung von der Medikamentenzuzahlung für chronisch Kranke“ für meine 89jährige Mutter und legte ihn vor die Dame auf den Tisch. Die Apothekensammelquittung und weitere Belege sowie den aktuellen Rentenbescheid packte ich gleich dazu und bat höflich um die Ausstellung der entsprechenden Legitimation. Eifrig studierte die Dame die Unterlagen, blätterte schweigsam alles von hier nach da, trabte zum Kopierer, der allerdings von einer ihrer Kolleginnen mit Beschlag belegt war und sie musste warten. Irgendwann kam die Dame zurück, setzte sich schweigsam an ihren Schreibtisch, um den Computer mit Daten zu füttern.

Die Uhr zeigte 8:45 und der Gesundheitskassenmann im gelben Leibchen räkelte sich noch immer oder gerade wieder.

Die Sachbearbeiterin vor mir schob den Rentenbescheid und die AOK-Chipkarte zu mir über den Tisch und ich durfte die Unterlagen wieder einstecken. Der So-das-war’s-sie-können-endlich-gehen-Blick traf mich unmittelbar und ich fragte, ob ich den Abrechnungsbescheid und den erforderlichen Befreiungsausweis für Arzt und Apotheke vorne an der Anmeldung ausgehändigt bekomme.

„Nein“ sprach sie missmutig, „den schicken wir Ihnen in frühestens einer Woche zu, allerdings dauert es meisten zwei Wochen!“

„Weshalb kann ich die Unterlagen nicht gleich von Ihnen bekommen? Seit 1998 stelle ich nun jedes Jahr diesen Antrag bei der AOK und jedes Mal händigte man mir die erforderlichen Unterlagen sofort aus!“

„Das hat sich in diesem Jahr geändert, die Berechnung und die Ausstellung der Unterlagen übernimmt eine andere Abteilung der AOK-Gesundheitskasse,“ klärte sie mich auf.

„Und was haben Sie bitte da alles in den Computer eingegeben“, fragte ich.

„Na ich habe alle Summen und Daten, die ich Ihren Unterlagen entnommen habe, in das entsprechende Programm eingegeben“ entgegnete die Dame.

„Ja aber dann steht doch fest, was die AOK meiner Mutter erstatten muss und der Ausstellung der benötigten Befreiungsbescheinigung nichts im Wege – oder?“

„Das stimmt,“ sagt sie. „Ihre Mutter bekommt 51,22 € auf das Sparkassenkonto überwiesen und dem Befreiungsantrag wird stattgegeben. Das wird jedoch von einer anderen Abteilung der Gesundheitskasse erledigt. Wissen Sie, wir sind hier im Servicebereich tätig und sollen nur den Kundenkontakt halten und die Wartezeiten der Kundschaft verringern.“

„Verstehe, aber das sind doch zusätzliche Kosten, die der AOK dadurch entstehen, z. B. Personalkosten, Portokosten und so weiter..“

„Personalkosten entstehen dadurch nicht zusätzlich,“ erläuterte sie mir. „Die AOK musste nämlich im Laufe des vergangenen Jahres Stellen im Servicebereich abbauen und diese Leute sind nun in einer besonderen Abteilung gelandet, sitzen in anderen Büros und erledigen diese Aufgaben. Schauen Sie sich doch mal um, wir haben hier viele leere Arbeitsplätze. Regulär ist unser Team von 13 auf 8 Personen geschrumpft.“

„Habe ich das richtig verstanden: Fünf Ihrer Kollegen sind in dieser so genannten besonderen Abteilung gelandet?“

„Na nicht ganz,“ gab sie zurück. „Nur drei sind da gelandet, die anderen beiden wurden freigestellt, weil sie nicht untergebracht werden konnten. Davon gibt es eine ganze Menge, denn die AOK hat doch so etliche Geschäftsstellen in Berlin! Schade, ich war leider nicht in diesem Programm. Um freigestellt zu werden, musste man schon vierzig Jahre alt sein, ich bin erst 35.“

Ich war baff, was die gute Frau mir da so alles anvertraute und stellte abschließend noch eine Frage: „Sagen Sie, der Herr dort drüben im gelben Hemd, der sieht schon älter aus, warum ist der nicht freigestellt worden?“

„Geht doch nicht“ sagt sie, „das ist unser Abteilungsleiter, der braucht noch eine Beförderung und die ist erst in einem Jahr dran!“

Gegenseitig wünschten wir uns einen schönen Tag und vermutlich beneidete sie mich, dass ich an diesem schönen Sommertag nach draußen durfte. Auch ich fand das gut, denn möglicherweise hätte sie sich noch um Kopf und Kragen geredet.

Tja, liebe Frau Ulla Schmidt, was sagt Ihnen denn diese wahre Geschichte? Stockt Ihnen dabei nicht Ihr Stockschnupfen in der Nase?

Übrigens wurde der Servicebereich dieser Geschäftsstelle im vergangenen Jahr über Monate renoviert und alles vom Feinsten hergerichtet und auch das hat die AOK aus den Mitgliedsbeiträgen finanziert – oder? Und nun sind von dreizehn Arbeitsplätzen nur noch acht besetzt, aber eigentlich nur fünf, weil drei Mitarbeiter regelmäßig nicht da sind. Da ist mal einer zur Kur, im Mutterschutz, im Urlaub oder einfach nur krank. Diese Auskunft gab mir übrigens noch die nette Dame an der Anmeldung, weil ich bei ihr einfach noch mal nachfragte, denn ich wollte das Gehörte nicht wirklich glauben. Aber so läuft es eben in der Verwaltung, vermutlich in jeder und davon haben wir sehr, sehr viele, Ihr Ministerium übrigens auch.

Gerne möchte ich Sie mit diesem kleinen Beitrag an den oft zitierten stinkenden Kopf des Fisches erinnern.

In diesem Sinne darf ich mich für heute bei Ihnen verabschieden und bin mir jetzt schon sicher, dass Sie wieder von mir hören werden.

Herzlichst,

Ihre dg

Juli 2006

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