Die alte Tante SPD

Wenn ich so an meine Kindheit, mein Aufwachsen und mein Leben im alten West-Berlin denke, dann gehört die SPD dazu. Im familiären Umfeld und im Freundeskreis meiner Eltern gab es jede Menge Fans dieser Partei und die Fangemeinde wuchs mit den politischen Ereignissen, die in dieser Stadt immer eine Rolle spielten.

Die Blockade habe ich nicht miterlebt und auch nicht den Arbeiteraufstand 1953, der in Ost-Berlin tobte. Dafür aber den Mauerbau 1961, den Besuch Kennedys 1963, den Schah-Besuch anno 1967 und die wilden Achtundsechziger, die die Stadt und die Republik veränderten. Die Kommune Eins und der Muff von 1000 Jahren unter den Talaren prägten mit neuer Moral und anderer Musik diese Zeit und natürlich auch mich.

Von 1957 bis Ende 1967 war Willy Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin. Dann folgte er dem Ruf nach Bonn, wurde Vizekanzler und machte so richtig Karriere. Viele Politiker – sowohl einheimische als auch zugereiste – erkannten, dass West-Berlin das ideale Sprungbrett in den Westen und in die große Politik waren und forderten ihr Glück in der ummauerten Stadt heraus. Doch die Berliner waren immer schon ein sehr eigenes Völkchen und nicht jeder Politiker erlangte Ruhm und Anerkennung in dieser Stadt.

Warum ich darüber schreibe, wollen Sie wissen? Ganz einfach: Der Tod von Egon Bahr vor ein paar Tagen hat mir die SPD wieder ins Bewusstsein gerufen. Er war so ziemlich der letzte dieser Gattung, die diese Partei geprägt haben. Können Sie sich auch noch an einige Persönlichkeiten erinnern wie zum Beispiel Carlo Schmid, Herbert Wehner, Johannes Rau, Kurt Schumacher und Gustav Heinemann? Die haben mittlerweile schon das Zeitliche gesegnet, aber sie haben zu ihrer Zeit was bewegt und sich vor allem auch was getraut. Sie trauten sich, Stellung zu beziehen, sie trauten sich Entscheidungen zu treffen, auch unpopuläre, sie bestanden nicht nur aus Rhetorik im Bundestag, sie kommunizierten mit dem Volk und sie wussten sehr genau, was an der Basis los war.

Das kann man heutigen Parteigrößen nicht unbedingt nachsagen. Heute stehen so etliche Genossinnen und Genossen voll im Rampenlicht aber vorwiegend fürs Schwadronieren, für abgedroschene Phrasen, für Schlagwortpolitik. Glauben Sie nicht? Na dann schauen Sie sich mal auf www.spd.de diese Kategorien an: Familiensache, Alleinerziehende, Gute Politik für Sie, Flüchtlingspolitik, Frauenquote, Mietpreisbremse, Mindestlohn.

Beim Schlagwort Flüchtlingspolitik bekomme ich beim Lesen einen dicken Hals. Da ist kein einziger Punkt aufgeführt, der die Aktivitäten der SPD zu diesem Thema aufzeigt! Dafür aber unter der Rubrik und was kann ich selbst vor Ort tun? wird der Website-Besucher mit hilfreichen Informationen ausgestattet, sich selbst nützlich zu engagieren.

Wie sich die alte Tante SPD aber einbringt, blieb mir allerdings verborgen. Lediglich unter Aktuelles, Episode 3 äußert sich Sigmar Gabriel, der derzeitige Parteivorsitzende, in einem Interview unter dem Schlagwort WIR SCHAFFEN DAS wortreich zur Flüchtlingspolitik.

Ausgesprochen peinlich, wie ich finde.

Ist die alte Tante etwa schon zu alt, um auf die Problematik entsprechend zu reagieren? Liegt sie womöglich schon im Siechtum und wartet auf ihr baldiges Ableben? Könnte es vielleicht hilfreich sein, wenn noch lebenden SPD-Persönlichkeiten wie z. B. Helmut Schmidt, Gerhard Schröder oder Franz Müntefering mit kräftiger Stimme zum Wecken rufen? Oder ist das dafür bereits zu spät und die olle Tante ist auf beiden Ohren schon viel zu schwerhörig? Wenn das alles nicht mehr hilft, dann könnte der nächste Urnengang schnell ein Gang zum Parteienfriedhof werden.

25.08.20115

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