Familiensonntag

Kennen Sie sicherlich auch: Telefon bimmelt, man geht ran und erkennt die liebreizende Stimme eines Familienmitgliedes. Nach einem dürftigen Tachchen wird unmittelbar gefragt, „habt ihr Sonntag Zeit?“ Kurze Denkpause. Ja. Eigentlich ja. Dann die zögerliche Antwort: „Glaube schon. Weshalb fragste denn?“ Nun prasseln jede Menge Erläuterungen vom anderen Ende der Leitung auf dich ein, weshalb wir von A nach B fahren sollen und das am Sonntagnachmittag in einer Woche.

Okay, ich sage zu! Doch wie soll ich das meiner Liebsten verklickern? Die ist überhaupt nicht für Smalltalk im Familienkreis und schon gar nicht sonntags. Mal sehen, was sie heute für Gegenargumente ins Feld führt, denn diesbezüglich ist ihre Kreativität echt grenzenlos. Heute allerdings nicht. Keine Widerworte, ohne Diskussion ist sie einverstanden! Hatten wir das schon mal? Ist sie vielleicht nicht ganz auf dem Posten und ich sollte mir womöglich Sorgen machen? Verwirrt über ihre Reaktion lese ich die Zeitung weiter und als mein Schatz fragt, ob sie für das Meeting am kommenden Sonntag Kuchen backen soll, falle ich fast vom Stressless-Sessel.

Mit großem Hallo werden wir begrüßt und es sind schon alle da, mit dem Kaffee hat man nur noch auf uns gewartet. Weil das Wetter so schön sonnig ist, hat man die Terrasse okkupiert. Alle geladenen Gäste sitzen wie aufgebahrt um den Tisch herum, blinzeln in die grelle Sonne und fuchteln wild mit den Händen überm Pflaumenkuchen, um die Wespen zu verjagen. Höflich machen wir Shakehands, nehmen Platz und zu Kaffee und Kuchen gibt’s jede Menge Smalltalk übers Sommerwetter, zu wenig Regen und die anderen kleinen Dinge des Lebens.

Doch dann erzählt Opa Erwin von seinen regelmäßigen Arztbesuchen und dem geplanten Krankenhausaufenthalt mit anschließender Reha in Bad Salzuflen. Opa Erwin ist knapp 95 Jahre alt und ihn schmerzt – nein ihn plagt – seine linke Hüfte und der Arzt hat dringend zur OP geraten. Oma Elfi platzt fast, weil sie krankheitsmäßig nicht mithalten und erzählen kann und als Opa Erwin das auch noch sagt, ist die 89jährige zutiefst beleidigt. Fest steht aber, dass sie mit zur Kur fährt und dann bekommt sie eben ein bisschen Fango auf eigene Kosten.

Gernot und Brunhilde sind die Kinder von Erwin und Elfi und beide schon seit Jahren in Rente. Brunhilde ist schon seit mehreren Jahren Witwe und macht sich jetzt mit der Hinterbliebenenpension ihres Verblichenen einen flotten Lenz. Sie mutierte in den vergangenen Jahren ihres Alleinseins zum flotten Feger, trägt Swarowski-Klunkern am faltigen Dekolleté und viel zu jugendliche Klamotten. Deshalb wird sie auch vom Rest der Familie misstrauisch beäugt. Keiner weiß wirklich Bescheid über sie. Was macht die Mittsechzigerin, wenn sie auf nem AIDA-Kreuzfahrer durch Nordeuropa tuckert? Oder wenn sie den März auf Teneriffa verbringt? Und wenn sie nicht verreist ist, geht sie einmal pro Woche in ihren Tanzverein und legt dort mit ihrem Galan Günther eine flotte Sohle aufs Parkett. Zu Oma und Opas Zeiten hätte man unmoralisches Lotterleben dazu gesagt!

Gernot ist gute Siebzig, verheiratet mit seinem Trudchen. Trudchen ist bieder, er auch. Sie haben ein kleines Häuschen irgendwo in Niederschönpupnilleken und da wird der Garten mit der Nagelschere geschnitten. Er war früher Beamter beim Finanzamt, sie hat bei Tengelmann gelernt und blieb bis zur Rente auch dort. Seither geht es bergab – also mit Tengelmann, versteht sich! Ihre beiden Jungs haben nicht den Karriereweg beschritten. Der eine ist Straßenbahnfahrer und der andere arbeitet bei der Müllabfuhr, aber das ist nicht wirklich das, was das Elternpaar für die Gören gehofft hatte. Außerdem sind sie noch an Frauen kleben geblieben, die nicht in die Familie passen, wie sie immer sagen.

Dann sitzen noch Kalle und Henny am Tisch. Die beiden sind um die Vierzig, seit 12 Jahren ein Paar und haben drei freche Bengels in die Welt gesetzt. Henny ist die Tochter von Trudchens Schwester, die bereits vor zwanzig Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Sie sind total sympathisch und natürlich, haben das Herz auf dem rechten Fleck und sind immer so schön gerade heraus und für unsere Smalltalk-Familie äußerst ungeeignet. Ihre drei Bengels und der große Bobtail auch. Die Vier toben im Garten herum, pflücken Tomaten, Blumen und Johannisbeeren und vergnügen sich lauthals.

Am Kaffeetisch schildert mittlerweile jeder detailliert seine Wehwehchen und seine Erfahrungen mit Ärzten, Krankenhäusern und sonstigem medizinischen Personal und dabei übertrumpft einer den anderen. Ein regelrechter Wettbewerb ist aufgeflammt, man buhlt um die beste Krankheit, die erstklassigste Versorgung im Notfall und um die erstattungsfreudigste Krankenkasse und die kulanteste Apotheke.

Flehentlich schaue ich zu meiner Liebsten und ich hoffe, dass sie blinzelt, was denn heißt: wollen wir endlich nach Hause gehen? Aber nein, sie unterhält sich bestens, hört mal hier und mal da zu, schnappt dieses und jenes auf, grinst belustigt vor sich hin und amüsiert sich köstlich. Und nun?

Früher hat’s in dieser Runde wenigstens nochmal nen Schnaps, ne Pulle Bier oder ein Glas Wein gegeben. Aber heute? Keiner trinkt mehr was. Alle müssen Auto fahren, oder die Tabletten kollidieren mit dem Alkohol, oder es liegt eine Allergie oder irgendeine Unverträglichkeit vor. Ziemlich doof, wie ich finde!

Früher waren die Sonntage im Familienkreise wesentlich schöner, energiegeladener und da wusste man genau, was nach dem ersten Korn für die Herren und dem Likörchen für die Damen und dem dritten Bier zur Sprache kommt.

Doch mittlerweile ist die klare Erkenntnis, dass der lukullische Verzicht auf Speis und Trank keineswegs zur Erhöhung des Unterhaltungswertes beiträgt. Selbst die Zigarre oder Zigarette nach der Torte und als Begleiter durch einen feuchtfröhlichen Abend fiel den ärztlichen Ratschlägen zum Opfer.

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