Mutti ist die Beste

Mutti ist Sieger, Mutti hat das Rennen gemacht, Mutti hat’s allen gezeigt, Mutti ist eben die Beste! Stimmt doch – oder? Seit langem wissen wir, dass Mutti auch ohne viele Worte das schafft, was sie schaffen will und sie will viel – sie will Kanzlerin von Deutschland bleiben. Und sie hat es am Abend des 22. September wieder bewiesen und sie hat mit ihren CDU-Lakaien das Wahlvolk aufgemischt und sie bleibt Kanzlerin. Die FDP hat Mutti nun zwar nicht mehr an ihrer Seite, denn die wurde vom mündigen Wähler platt gemacht. Oder die FDP hat sich selbst zerlegt. Kluge Menschen haben darauf auch die Antwort parat – ich nicht. Die absolute Mehrheit hat Mutti zwar nicht gestemmt, aber dafür ein Traumergebnis eingefahren.

Mutti ist Angela Merkel, die aus dem Osten. Als Pastorentochter wurde sie 1954 in Hamburg geboren, aufgewachsen im dunkelsten Teil Deutschlands, nämlich in der Uckermark. Zwei Geschwister hat sie. Schule in Templin, Physikstudium am Roten Kloster in Leipzig und Ost-Berlin. 1977 heiratet sie Herrn Mekel, lässt sich nach ein paar Jahren scheiden und 1984 ist Herrn Sauer ihr Favorit, den sie Ende der 90er Jahre ehelicht. Ende 1989 dann die Wende – sowohl politisch als auch in ihrem Leben. Für sie heißt es nun: willkommen in der CDU und willkommen auf der Karriereleiter der Partei! Schnell wird sie zur Ziehtochter vom dicken Kohl, vielleicht auch seine Königsmörderin – wer weiß das schon genau. Ist ja auch schnuppe. Heute ist sie Parteivorsitzende, Kanzlerin, hat ihr Kabinett fest im Griff, ist die mächtigste Frau Europas und nun zum dritten Mal Gewinnerin der Bundestagswahl.

Angie kann männliche Konkurrenz nicht leiden. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ ist offensichtlich nicht ihr Leitspruch – jedenfalls nicht im Dunstkreis ihrer Macht. Hat sie etwa etliche Hosenbeine weggebissen? Oder sind ihr einige gestandene Mannsbilder einfach nur abhanden gekommen, vielleicht vor ihr davon gelaufen? Möglicherweise haben sie vor Angie resigniert – darüber wird viel gemunkelt. Auf Anhieb fallen mir die Herren Christian Wulff, Edmund Stoiber, Norbert Röttgen, Günther Oettinger, Roland Koch, Peter Müller, Friedrich Merz, Horst Köhler, Laurenz Meyer und der Freiherr von und zu Guttenberg ein. Waren es noch mehr oder sind es gar zu viele – auch das ist wurscht, weg ist weg. Einige haben selbst das Weite gesucht. Andere wurden von ihr ausgewechselt, weil sie aufmuckten, eine eigene Meinung hatten, Plagiat betrieben, Widerworte gaben, oder weil sie auch Macht haben wollten. Die Macht ist Angela Merkels Ding. Sie ist die Bestimmerin und sie trifft Entscheidungen, oft auch alleine und dann spricht sie auch im Singular. „Ich habe alternativlos beschlossen…….“ heißt es dann. Sie ist eben mächtig, andere hüpfen und tanzen um sie herum aber immer schön nach ihrer Pfeife und dem Takt, den sie vorgibt. Wer das nicht tut, kann problemlos an Muttis ausgestrecktem Arm verhungern.

„Alternativlos“ ist übrigens Merkels Lieblingswort, vielleicht hat sie auch noch mehrere – keine Ahnung. Aber das ist nun mal das Wort, welches sie gerne im Zusammenhang mit Atomstrom, Griechenland, Euro, Banken, oder andere Rettungsaktionen für wen und was auch immer in den Mund nimmt. Und deshalb ist es zum Unwort des Jahres 2010 gekürt worden – oder vielleicht gerade deshalb? Auch das weiß man nicht wirklich genau.

Und Mutti mag Fußball! Davon scheint sie beseelt zu sein und sie ist wie ausgewechselt, wenn sie auf der Tribüne sitzt und „unseren Jungs“ beim Kickern zusieht. Dann strahlt sie und die sonst tiefer gelegten Mundwinkel ziehen sich bei guten Spielfeldaktionen bis zu den Ohren. Sie geht richtig mit – sie durchlebt die Spiele. Sie springt auf, fiebert mit, lässt sich enttäuscht auf ihren Ehrensitz fallen und sie ist richtig Mensch und Mutti in einem und sie zeigt Emotionen. Nach dem Spiel geht sie gerne mal in die heiligen Hallen der Umkleide zu den knackigen Kerlen mit Waschbrettbauch, spielendem Bizeps und strammen Waden. Ist eben eine andere Klasse von Männern als Philipp Rösler, Rainer Brüderle oder gar Ronald Pofalla. Man merkt es Mutti an: Sie ist stolz auf die Jungs im schwarz-weißen Dress mit dem schwarz-rot-goldenem Emblem am Chemisettchen, bei denen ist sie gerne, da ist sie Fan, da geht es ihr gut, da ist sie eine sehr sympathische Mutti, die einfach nur ihre Jungs bewundert oder mit ihnen traurig ist.

Während des vergangenen Wahlkampfes hat sie es grandios hinbekommen, keine ihrer Konkurrenz-Parteien mit auch nur einem Sterbenswörtchen zu erwähnen. Die Namen der anderen im Bundestag vertretenen Parteien kamen ihr überhaupt nicht über die schmalen Lippen und schon gar nicht der Name Peer Steinbrück, ihr direkter Mitbewerber um das Kanzleramt. Der war Luft für Mutti! Selbst beim TV-Duell brauchte sie diese Luft nicht zum Atmen – weder als frische Luft noch als abgestandenen Mief. Im Ignorieren ist sie einsame Spitze unsere Physikerin!

Warum nennt man Merkel eigentlich Mutti? Weil sie bei vielen Deutschen so beliebt ist? Oder gar so fraulich ist, wie eine richtige Mutti mit wohlig-weichen Rundungen? Mutti ist sie nicht wirklich, denn eigene Kinder hat sie nicht. Aber Herr Sauer hat zwei mit in die Ehe gebracht. Die darf sie sozusagen „mitbenutzen“ und hat somit den Part der Stiefmutti an der Backe. Oder nennt man sie etwa liebevoll Mutti, weil sie sich kümmert? Ist sie die Vorbildfrau, die, die ganz oben angekommen ist und nun imponiert, weil sie sich in der politischen Männerdomäne durchgesetzt hat und auf dem Parkett der Anzugträger dominiert? Ja, vielleicht hat sie den Beinamen Mutti deshalb bekommen, weil sie einen mächtigen und großen Mann wie Helmut Kohl zu Fall gebracht hat? Weil sie Männer austrickst und von den Mächtigen der Welt hofiert wird? Sie aber trotzdem manchmal zuhause für Ehemann Joachim und die Stiefkinder den Kochlöffel schwingt und den Backofen anschmeißt? Weil sie die taffe Staatsfrau ist, der man den roten Teppich ausrollt, wenn ihr Flieger anrollt? Jedenfalls ist Mutti bodenständig, kann Machos nicht leiden, ist blitzgescheit und Kanzlerin für alle Menschen, die die schwarz-rot-goldenen Fahne mit eiH

HHHHdem Begriff Heimat verbinden. Weiter könnte man vermuten, dass Mutti eben Mutti heißt, weil sie von Zeit zu Zeit auch mal in ihrem Kabinett ein Machtwort spricht. Ein Machtwort auch mal an die pubertären Jungs der gelb-blauen Boygroup mit dem älteren Herrn aus der Pfalz an der Spitze und dem durch die Weltgeschichte fliegenden Minister richtete. Nun ja, die ist sie nun allesamt los, unsere Mutti.

Mutti hat sich eingebürgert, nicht nur im Kanzleramt, auch im Sprachgebrauch. Mutti ist ein feststehender Begriff geworden und jeder weiß, dass Angela Merkel gemeint ist.

Hat eigentlich der Duden schon darauf reagiert?

Ob Mutti wohl ein Kosewort für Angie ist? So wie die Siegessäule in Berlin zärtlich „Goldelse“ oder die Kongresshalle „schwangere Auster“ von den Berlinern genannt wird? Wäre das nicht mal eine offizielle Umfrage oder gar eine wissenschaftliche Studie wert, eine Antwort darauf zu finden?

Waschen, schneiden, föhnen lässt sie bei Udo Walz. Da hält Mutti gerne den Kopf hin und ihretwegen ist der Figaro vor Jahren in die CDU eingetreten. Ob Angies Schneiderinnen – Anna von Griesheim und Bettina Schoenbach – der politischen Orientierung des Coiffeurs folgten, ist mir nicht bekannt. Aber immerhin sorgen die beiden Damen für die unendliche Vielfalt von Blazern, Hosenanzügen und der restlichen Garderobe unserer Mutti. Das Jackensortiment ist in allen Farben und Schattierungen, mit und ohne Knöpfe, mit anders farbig unterlegtem Kragen oder einfach nur uni im Ankleidezimmer unserer Kanzlerin zu finden. Sie hat jede Menge Jacketts für fröhliche, traurige, staatstragende und weiß-der-Geier-was-für Anlässe und alle fallen in die Kategorie „Dienstkleidung“ und sie kann die Anschaffung nicht mal steuerlich geltend machen. Das macht sie so menschlich und daher gibt es keinen Unterschied zwischen Mutti und Angelika Mustermann. Bekommt sie ihre Plünnen eigentlich gesponsert und für lau oder muss Mutti das Klamottenzeug aus ihrer eigenen Börse vom dürftigen Kanzlerinnensalär bezahlen? Schließlich hat Peer Steinbrück uns verklickert, dass die Bezahlung in diesem Job nicht gerade wirklich dolle ist und man sich keine großen Sprünge leisten kann. Aber vielleicht bringt im Falle von Mutti auch Herr Sauer noch ein paar Piepen nach Hause. Obwohl, der hat ja nun auch wieder die beiden Kinder, vielleicht brauchen die….aber lassen wir das, das hat Mutti bestimmt alles im Griff.

Nun ist die Wahl bereits Schnee von gestern, die Ergebnisse stehen fest, der Wähler hat gesprochen. Die CDU hat gewonnen, die FDP hat das Zeitliche gesegnet, jedenfalls was die Bundesregierung betrifft. Mutti hat das liberale Kind verloren. Jetzt muss sie sich einen neuen Partner suchen und das wird nicht wirklich einfach, denn eigentlich will keiner mit ihr. Mutti ist so dominant, Mutti ist so herrisch, Mutti ist streng und nicht gerade tolerant und Mutti hat andere Themen auf der Agenda als die potentiellen Koalitionäre. Kann schon ein bisschen dauern, bis es mit einer neuen Partnerschaft so klappt, sagt man. Aber klappen muss es ja, denn man kann schließlich nicht so oft wählen, bis Muttis Wunschergebnis vorliegt – vielleicht sogar mit Wahlergebnissen von weit über achtzig Prozent, analog der ehemaligen DDR. Vermutlich wäre sie darüber zwar stolz, aber doch keineswegs glücklich – oder?

Wäre denn ein Leben ohne Angela Merkel in der BRD noch denkbar. Nimmt man nur mal die vielen Kabarettisten, Karikaturisten und Satiriker, die tagtäglich auf ihre Kosten Witziges bemerken und verbreiten, sie imitieren. Sie laufen wie sie, sie sprechen wie sie, sie schreiben über sie und sie karikieren sie. Mutti ist auch ein begehrtes Fotomodel und ebenso eine gern befragte Interviewpartnerin. Journalisten scheinen sie schon deshalb zu lieben, weil sie häufig mit ganz vielen Worten nichts sagt, aber ein Gespräch mit ihr ist trotzdem ein Highlight für welches Medium auch immer. Mutti füllt Zeitungs- und Internetseiten und Blogs, sie erhält Moderatoren und Kommentatoren ihre Daseinsberechtigung, sie twittert was das Zeug hält. Sie beschäftigt Bodyguards, Redenschreiber, Herrn Pofalla und Herrn Seibert und viele andere Menschen, die hier leider nicht genannt werden können, weil man sie nicht kennt. Aber Mutti Angie ist eben wichtig für viele, vielleicht für uns alle. Vielleicht ist sie die beste Mutti, die man haben kann, für Land und Leute, fürs Ausland, für den Euro, für alles, was unsere Zeit so Problemen bestückt und bestimmt. Ob das so ist, werden wir in zehn oder zwanzig Jahren oder noch viel später wissen oder in Geschichtsbüchern lesen. Demzufolge sollten wir durchhalten und Mutti vertrauen.

Im September 2013

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