Bin ich eine Meckerziege?

„Dir kann man wohl gar nichts mehr recht machen – an allem haste was auszusetzen!“ Das hat mir neulich ein Bekannter an den Kopf geknallt. Erst war ich verblüfft, dann betroffen und nun dann habe ich mir die Zeit genommen, intensiv drüber nachzudenken. Okay, so unrecht hat er damit gar nicht, musste ich im stillen Kämmerlein so ganz für mich alleine feststellen und mein Fazit fiel nicht gerade positiv für mich aus!

Ob es wohl so richtiges Meckern ist? Vielleicht ist es aber auch eine normale Veränderung, die sich mit zunehmendem Alter einstellt. Wenn man also mehr und mehr Durchblick und Lebenserfahrungen gesammelt hat, eventuell weiser oder zumindest ein wenig klüger geworden ist. Nee, lesen Sie mal ruhig weiter, denn ich will weder in Selbstmitleid verfallen, noch meine Rummäkelei entschuldigen!

In der Tat ist es so, dass meine Kritik an der einen oder anderen Stelle viel massiver ist, als noch vor einigen Jahren. Wie sieht es bei Ihnen z. B. mit unseren Politikern aus, die jeder von uns wählt, die uns dann vertreten, die für uns entscheiden? Für Sie und mich und alle anderen, die pflichtgemäß ihr Kreuzchen gepinselt haben. Sind Sie mit allem einverstanden was die Damen und Herren in Ihrem und meinem Namen entscheiden? Ich nicht!

Mich nervt es ziemlich, wenn die Politik der deutschen Waffenindustrie gestattet, Schießprügel und anderes Zeug in Krisengebiete zu schicken. Da klimpert’s zwar kräftig in der Kasse des Finanzministers und bei den Herstellern, aber die Welt wird dadurch kein bisschen besser. Im Gegenteil! Wer sind die Guten und wer die Bösen in diesem Spiel? Denken Sie an Afghanistan: Mal waren es die Russen, die sich einmischten, dann die Amis und auch die deutsche Flagge flatterte dort und tut es immer noch. Die Angemeierten in jedem Krieg und bei jeder Fehde ist die Bevölkerung. Schauen Sie bloß mal auf die vielen, vielen Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht suchen. Wirtschaftsminister Gabriel verkündet stolz, dass Deutschlands Rüstungsindustrie im ersten Halbjahr 2015 so viel Geld eingefahren hat, wie im ganzen Jahr 2014. Das regt mich fürchterlich auf!

Ebenfalls regt es mich auf, dass Frau von der Leyen die Mutter der Bundeswehr-Kompanie ist. Nee, nicht, dass sich dieser Job für eine Frau möglicherweise nicht schickt – auch das ist nicht mein Ärgernis. Sie ist Mutter von sieben Kindern, die sie selbst geboren hat. Wie erklärt sie denen ihren Job und dass sie Väter, Söhne und Töchter schon mal ins Verderben schicken muss? Wie kommt sie mit ihrem Gewissen klar – falls sie denn eines hat? Und sagen Sie jetzt nich, dass irgendwer den Job schließlich machen muss!

Mich empört es, dass ein Weltkonzern wie VW so verantwortungslos handelt und Tausende Arbeitsplätze in Gefahr bringt. Wie viele fleißige Menschen werden vermutlich durch diesen Betrug mit den Abgasen ihrer Existenz beraubt und müssen sich in die Schlangen beim Arbeitsamt einreihen? Und von all dem will der feine Herr W. nichts gewusst haben? Er, der ein solch ausgewiesener Technik-Freak ist und der selbst unter jedes Auto gekrochen ist? Das macht mich wütend – ohne Ende!

Harmlos hingegen ist in der Tat der Obst- und Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt, der mir ein paar vergammelte Erdbeeren und Kirschen mit in die Tüte packt. Ebenso der Eierhändler, bei dem ich nicht mehr die ovalen Gutschmecker selbst in den Karton sortieren darf und die junge Frau am Gewürzstand, die Thymian nicht kennt und krause von glatter Petersilie nicht unterscheiden kann und null Ahnung von Pfeffer- und Chili-Sorten hat. Schließlich studiert sie auf Lehramt und jobbt auf dem Markt nur nebenher.Und zukünftig will ich es mir auch verkneifen, mich über die FIFA zu echauffieren. Wenn es gut läuft, dann ist Herr Blatter endgültig weg vom Fenster und um seinen Nachfolger werde ich mir dann eben keinen Kopf machen. Ist ja sowieso sinnlos, ob nun der Kaiser oder die Herren Zwanziger, Niersberg dort mitmischen – der Ruf ist sowieso ruiniert und da lebt’s sich bekanntlich noch ungenierter.

Auch will ich ab sofort nicht mehr übers Wetter nörgeln. Werde mich freuen, wenn die Sonne scheint, zufrieden gen Himmel gucken, wenn’s regnet und die Pflanzen auf der Terrasse nach Flüssigkeit lechzen. Dann werde ich den vollen Picknickkorb aus dem Auto holen, ihn auspacken und den heimischen Esstisch mit den vorbereiteten Köstlichkeiten decken und meinem Liebsten den Kaffee aus der Thermokanne einschenken.

Okay, nun hab ich drüber nachgedacht, ob ich eine Meckerziege bin oder nicht! Ja, ich bin eine – aber sicherlich nicht die einzige im Land!

21.10.2015