Trauung in Woltzeten

Einmal ist keinmal oder doppelt hält besser

………. genau so könnte man unser Motto für den ersten September 2013 beschreiben. Nicht, dass jemand jetzt glaubt, ein neuer Weltkrieg beginnt und seit den frühen Morgenstunden wird abermals zurück geschossen. Weit gefehlt! 74 Jahre nach diesem geschichtsträchtigen Tag erbitten wir uns den Segen für unsere Ehe von höchster Stelle. Also die Datumsgleichheit ist purer Zufall.

Doch nun mal von vorne: Standesamtlich haben wir bereits am 22. Januar geheiratet, aber wir wollten es ein zweites Mal tun und diesmal in der Kirche. Übrigens wieder alleine, ohne großes Brimborium, ohne Gäste und geselliges Beisammensein, ohne Trauzeugen, ohne Pomp und Protz und ohne Schickimicki. Diesmal nur der Pastor, seine Frau, wir und die anwesenden Gottesdienstgäste. Diese Schlichtheit haben wir uns gewünscht und Dieter, der pensionierte und befreundete Pastor, hat unseren Wunsch ins Reale umgesetzt. Heute ist er die Kirchenvertretung für den sonst hier amtierenden Kollegen in dieser Gemeinde.

Seit Samstag sind wir in Greetsiel in einer gemütlichen Ferienwohnung und Sonntag früh fahren wir total aufgeregt die paar Kilometer bis nach Woltzeten. Dieser Ort ist Heimat von 184 Menschen, gehört zur Gemeinde Krummhörn und liegt im westlichsten Zipfel Ostfrieslands. Dort findet um 10:15 Uhr der sonntägliche Gottesdienst statt, an dem in der winzigen Kirche ohne Altar insgesamt 13 Leute teilnehmen. Mitgezählt ist die Küsterin, die Organistin, der Pfarrer, seine Frau und natürlich haben wir uns beide nicht vergessen. Somit ist der Zulauf der Einheimischen sehr überschaubar. Das ist aber gut so – so wollten wir es – unauffällig und ohne Herdenaufmarsch und Publikum. Noch erwähnt sei, dass vor einer Woche der Gottesdienst eine Stunde früher begann. Da war im Ostfriesischen nämlich noch Sommerzeit, heute ist sie vorbei und wir heiraten sozusagen zum Beginn des Ostfriesischen Winters.

Gerne würde ich an dieser Stelle nun etwas über Dieters Predigt schreiben, über die Lieder, die gesungen wurden, über das, was er von der Kanzel predigte. Geht aber leider nicht, denn ich war so aufgeregt, dass ich nichts mitbekommen habe – mein Oberstübchen hat nichts abgespeichert, meine Festplatte ist sozusagen leer, Totalausfall und Blackout für mindestens eine halbe Stunde! Erinnern kann ich mich nur an den Trauspruch, den wir uns ausgesucht und den Dieter verlesen hat und das Trauversprechen, das wir uns gaben. Beim Trauversprechen hatte ich unmittelbar am Wasser gebaut und war heilfroh, dass ich morgens die wasserfeste Wimperntusche aufgetragen hatte. Da wir auch vorher wettermäßig viele Wochen Sommer und Sonnenschein hatten, war glücklicherweise mein Teint natürlich gebräunt und kein Make-up musste sich durch den Tränenfluss auf die Probe stellen lassen.

Das Trauversprechen, das Wolfgang mit fester und sonorer Stimme mir gab, ging mir unendlich unter die Haut und ich heulte noch mehr. „Ich bekenne vor Gott und seiner Gemeinde, dich zu lieben, zu beschützen, zu trösten und dich nicht zu verlassen, in Armut und Reichtum, in guten und in schlechten Tagen, Gesundheit und Krankheit………….!“ So viele wundervolle Worte, nein, nicht nur Worte – es ist ein Versprechen, an das ich glaube! Ein Versprechen, nach dem wir hoffentlich noch viele Jahre, Jahrzehnte leben und handeln dürfen. Dann kam ich an die Reihe und las das Trauversprechen mit Tränen erstickter Stimme vom Blatt Papier ab und sicherlich völlig kleinlaut, diejenige, die in der Regel eine große Klappe hat. Mein Wolfi lächelte mich ganz lieb an, vielleicht strahlte er auch – ich kann es nicht genau sagen, denn durch meinen Tränenschleier konnte ich kaum sein Gesicht erkennen.

Dieter segnete uns und sagte, dass wir nun auch vor Gott Mann und Frau sind…… oder so ähnlich. Danach nahmen wir wieder in der ersten Reihe auf den extrem schmalen Sitzbänken Platz und Wolfi hielt ganz fest meine Hand und ich war überwältigt von der schlichten und doch so feierlichen Zeremonie und meinen Emotionen. Die frischen rosaroten Rosen in der Vase auf dem Taufbecken verbreiteten einen zarten Duft. Die echten Kerzen in den Leuchtern verstrahlten Wärme. Und draußen schüttete es wie aus Eimern und im nächsten Moment strahlte wieder die Sonne durch die Kirchenfenster. Orgelklänge begleiteten uns zum Kirchenausgang und dort gratulierten alle Anwesenden, schüttelten uns die Hände und wünschten uns Glück und gute Zeiten. Über uns strahlte die Sonne vom blauen Himmel, weiße Wolken trieb der Wind vor sich her und gleichzeitig rüttelte er kräftig an den gelben Sonnenblumen auf ihren hohen Stängeln in den umliegenden Bauerngärten. Wir gingen zum Auto und der erste Teil dieses besonderen Tages war vorbei – was für ein Szenarium an diesem Vormittag!

Die nächsten Inszenierungen des Tages wurden von Bea und Dieter geplant. Erwartungsvoll fuhren wir ihnen mit dem Auto hinterher und an einer idyllischen Stelle am Ems-Jade-Kanal stoppten sie und bauten dort ratzfatz an einem Rastplatz für Wanderer oder Radfahrer ein leckeres Picknick für uns auf. Es fehlte nichts! Von der gelben Tischdecke über passrechte Servietten, leckeren Schnittchen, kleinen Obstspießchen, Tee, Kaffee, Saft und – nicht zu vergessen – Sekt zum Anstoßen, war einfach alles vorhanden. Es schmeckte uns sehr gut, das Ambiente war toll und die Frischluft sowieso, so dass wir vom Tagesordnungspunkt zwei einfach begeistert waren.

Der Wind frischte auf, die Wolken wurden dichter und es sah nach Regen aus. Das störte uns aber wenig, denn es sollte ohnehin zum nächsten Highlight gehen. Gemeinsam packten wir die Reste des Picknicks ein und nun ging es gen Aurich. Dort wartete das Fahrgastschiff MS Stadt Aurich am Anleger auf uns und andere Gäste. Zielstrebig marschierte Bea zu dem von ihr reservierten Tisch, der mit Kuchen und fertig zum Kaffeetrinken eingedeckt war. Wir erfuhren, dass Bea bei der Buchung verraten hat, dass wir frisch vermählt sind und den Pastor und seine Frau im Schlepptau haben. Die Kellnerin – eine offensichtlich lustige und schlagfertige Person –  kam mit vier Gläsern Sekt und einem Glas Wasser an unseren Tisch. Zunächst gratulierte sie uns zur Hochzeit, dann bat sie Dieter, den Pastor, aus dem Wasser Wein zu machen, und zwar mit der Begründung, dass das doch eine Spezialität seines Bosses da oben sei und daher wollte sie gerne wissen, ob das Bodenpersonal ähnliche Fähigkeiten besitzt. Das rief bei uns großes Gelächter hervor und wir bedauerten Dieter doch sehr, dass ihm das kleine Experiment nicht gelang.

Zwischenzeitlich füllte sich das Schiff mehr und mehr und aufgrund des einsetzenden Regens suchten sich alle Passagiere verständlicherweise Plätze unter Deck. Erwachsene und Kinder aller Altersklassen wuselten hin und her und es ging lautstark zu – aber auch lustig. Nach über zwei Stunden war die unterhaltsame und interessante Wasser-Sightseeingtour leider vorbei und ein weiterer Punkt konnte auf der Tagesordnung als erledigt betrachtet werden.

Bea und Dieter hatten für den frühen Abend aber noch einen Trumpf im Ärmel und da sollte es dann zu einem wundervollen Griechen ins Restaurant zum Abendessen gehen. Das war uns aber zuviel des Guten und wir lehnten für heute dankend ab, versprachen aber, diesen Restaurantbesuch in Kürze einmal nachzuholen.

Nach einer sehr herzlichen Verabschiedung und einem dicken Dankeschön für diesen perfekt organisierten Tag fuhren wir nach Greetsiel und vertraten uns bei einem Spaziergang auf dem Deich die Beine. Danach aßen wir beim Deichgrafen eine Kleinigkeit und den krönenden Abschluss des Tages bildete die sich mit Peer Steinbrück duellierende Angela Merkel im ARD-Programm, bei dem man ja bekanntlich in der ersten Reihe sitzt. Bei uns war es anders: wir befanden uns in der Horizontalen und schlummerten süß und selig hinüber und bekamen nur einen Teil dieser Wahlpropaganda im Kampf um das Bundeskanzleramt mit.

Das war unser Hochzeitstag, so wollten wir ihn, er gefiel uns und bleibt uns in Erinnerung.!

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