Oma Else und die Kittelschürze

Oma Else, hoch wie breit, kurze dauergewellte Löckchen, kugelrundes Gesicht, wache Augen, heller Geist, dem man nichts vormachen konnte. Sie trug Kittelschürze. Vermutlich kam sie schon mit Kittelschürze zur Welt.

Kaum ein Tag, den der liebe Gott werden ließ, verging, ohne ihr Lieblingskleidungsstück. Darin wienerte sie Fenster, stand kochend am Herd, schälte Kartoffeln, bügelte Hemden, machte Gartenarbeit, putzte uns die Rotznasen trocken und erledigte auch sonst so ziemlich alles in und mit ihr. Selbst beim Einkaufen war sie dabei; wenn’s fröstelte mit Strickjacke drüber, bei Regenwetter unter dem abgetragenen Popeline-Mantel.

Die Kittelschürze – bekannt und beliebt seit dem 19. Jahrhundert – folgte immer modischen Trends. Mal ganz in Weiß und vor Stärke strotzend, mal mit Blümchenmuster aus steifem Baumwollgewebe, oder einfarbig aus nicht atmendem dafür aber bügelfreiem Nylon, Nyltest oder anderen Materialerfindungen der 1960er Jahre.

Oma Else liebte ihre Kittelschürze über alles. Sie ersetzte schon mal den Topf- oder Staublappen und woran hätte sie sich sonst schnell mal die Finger abtrocknen, womit fix mit einem Zipfel übern Spiegel wischen können? Im Laufe einer Woche sammelten sich auf Omas Lieblings-Kleidungstück so viele Spuren täglicher Hausarbeit an, dass jedes Labor mit der Identifikation der Hinterlassenschaften bestens ausgelastet gewesen wäre.

Oma Else war eine von vielen Frauen der damaligen Zeit: eine fürsorgliche Mutter, Ehefrau, zupackende Hausfrau, immer verfügbare Großmutter, taff und für ihre und damalige Verhältnisse geradezu voll emanzipiert. Auch mit nicht salongepflegtem Haupthaar, rissig-rauen Arbeitshänden ohne Nagellack, in altbackener Universal-Kittelschürze war Oma Else eine Frau, die ihren Mann stand.  

Oma Angela sieht chic und gepflegt aus. Hellblonder Kurzhaarschnitt, schminktechnisch dezent betonte Augenpartie, rote Lippen und Fingernägel passend zu den roten Leggins, dem schwarzroten Shirt, dem kuschligen grauen Schal in Übergröße und den roten Sneakers.

Sie ist ein Paradebeispiel der heutigen Generation 60plus!

Sie ist Ehefrau, Mutter, Oma, war im Berufsleben äußerst angesehen, hat ihr Leben gelebt, steht mit beiden Beinen im Hier und Heute und ihre Frau. Also eben ganz anders als Oma Else, Angelas Mutter, ihre beiden Großmütter oder gar die Tanten!

In Angelas Alter waren die damaligen Frauen ausgemergelt, müde von der Schufterei, dem Leben mit allem Drum und Dran – vorausgesetzt, sie lebten überhaupt noch.

Heute geben viele Frauen ab fünfzig, sechzig oder später nochmal so richtig Gas. Berufliche und private Veränderung oder Neuanfang sind keine Seltenheiten für diese Best-Ager-Ladys. Sie entdecken sich selbst und nie zuvor gehabte Hobbys für sich. Sie reisen um die Welt, sind modisch voll auf der Höhe und fit im Oberstübchen. Hausarbeit lassen sie oftmals erledigen – machen sich die Vorteile der technischen und zeitsparenden Errungenschaften zunutze und dafür benötigen sie keine Kittelschürze. Sollten sie selbst Hand anlegen, dann oft im kleidsamen Big Shirt oder bequemen Home-Dress nach neuesten modischen Vorgaben.

Sie haben Termine, sind unterwegs, und zwar nicht einfach zum Kaffeetrinken mit der Nachbarin in der Konditorei an der Ecke und nicht im Salon Gabi zum Haareschneiden. Sie hübschen sich auf, gehen zum Golfen, zum Tennis, ins Fitnessstudio, zur Kosmetikerin und zum angesagten Szene-Coiffeur, um danach ein Glas Prosecco gemeinsam mit Freundinnen zu genießen.

Voraussetzung dafür ist allerdings Zeit und Geld; wem es daran hapert, dem geht’s ähnlich wie Oma Else.

Oma Else war vermutlich niemals der schwierigen Frage ausgesetzt „was ziehe ich heute an?“, während Oma Angela im Ankleidezimmer täglich erneut ihren Blick schweifen lässt, um auszuwählen, was dem aktuellen Anlass entspricht.

Die Nachkriegs-Kittelschürze war vor allem aber auch das ideale Alltagskleidungsstück, um die „Sonntags- und Ausgeh-Sachen“ zu schonen, denn die waren früher teuer und nicht jede Frau konnte sich viele davon leisten. Die gute Bluse mit einem passrechten Rock, das schwarze Kostüm für festliche Anlässe wie Hochzeit und Beerdigung gehörten genauso in den Kleiderschrank wie das bunte luftige Sommerkleid und je nach Alter auch der Petticoat.

Selbst heute gehört die Kittelschürze keineswegs zum alten Eisen. Sie hat lediglich Namen, Outfit, Stoffe, Muster und Farben gewechselt und sich somit der aktuellen Mode angepasst. Man nennt sie Träger-, Wickel-, Hauskleid, Kasack mit Knöpfen oder Reißverschluss, mit und ohne Kragen oder Ärmel, aus Baumwolle, Jersey, Polyester oder anderen Materialien.

Kittelschürzen kann man per Katalog kaufen oder bequem im Internet bestellen – jedes der üblichen 08/15-Versandhäuser kommt ohne dieses Kleidungsstück nicht über die Runden.

Sie ist nicht weg vom Fenster, nicht ausgestorben – sie lebt nach wie vor unter uns und hat scheinbar keine Feinde – die gute alte Kittelschürze!

21.01.2020

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