Schnupfen, Husten, Heiserkeit

Wer kennt das nicht? Es kratzt im Hals, die Nase läuft, der Husten ist lästig, die Temperatur steigt und dann ruft der Bettzipfel, den man sich am liebsten über die Ohren zieht.

Sowas nannte man früher ganz lapidar Erkältung. Die bekam man eben – egal zu welcher Jahreszeit.

Beste Voraussetzung dafür war meistens Schmuddelwetter oder zu dünne Fähnchen am Körper, nix drunter und viel zu leichte Trittchen an den Füßen, pflegte Oma Elsa immer zu bemerken. Wenn dann das Niesen und Krächzen eskalierte, steckte sie uns ins Federbett, flößte uns Flieder-, Kamillen- und Pfefferminztee, warme Zitrone und heiße Hühnersuppe literweise ein. Nach ein paar Tagen waren wir wieder fit wie Turnschuhe, mussten nicht zum Medizinmann, sondern wieder zur Schule, schlimmstenfalls noch mit Schal um den Hals!

Seit geraumer Zeit kann man mit einer einfachen Erkältung keine Aufmerksamkeit mehr erregen. Heute hat man sich mindestens einen Virus eingefangen, wenn nicht sogar eine besondere Form einer fremdländischen Grippe. Ohne ärztlichen Rat, Impfung und kostspieligem Zeug aus der Apotheke geht gar nichts!

Den anderen Leuten geht’s ja auch nicht besser und somit kommt man leicht ins Gespräch, falls man sich doch dazu entschließt, im virusverseuchten Wartezimmer des Medizinmannes auf die persönliche Audienz wartet. Und das kann dauern! Da entwickelt sich schnell ein reger Gedankenaustausch über aktuell quälende Viren, grippale Infekte, sonstige Leiden, Internet-Ratgeber, gute und schlechte Ärzte, Horrorberichte aus dem Familien- und Freundeskreis inklusive alternative Heilmethoden.

Selbstverständlich misst man auch dem Coronavirus gewisse Aufmerksamkeit bei. Die Dame mit dem flotten roten Hütchen outet sich als passionierter Sushi-Fan, bekommt aber seit Wochen keinen Happen dieser asiatischen Spezialität mehr runter. Ihr Begleiter traut sich nicht mehr an Zitronengras, Glasnudeln, Koriander aus dem Asia-Shop ran und Frühlingsrollen sind ebenso vom Speiseplan gestrichen, selbst wenn sie tiefgefroren sind. Die Flugreise nach Hongkong hat er sicherheitshalber bereits storniert und den Vortrag nächste Woche in der hiesigen Uni, den Herr Sching-Schang Schong hält, ebenfalls. Man weiß schließlich nie…!

Die junge Frau mit den falschen Wimpern guckt völlig genervt von einem Wartenden zum anderen, dann auf ihr Handy und huscht mit raschen Fingern darauf hin und her.

Der flotte Fünfziger mit der grauen Pudelmütze bekommt sicherlich fürs laute Schnäuzen und seinen Papiertaschentuchverbrauch einen Orden von der Firma tempo und die alte Dame fürs äußerst geräuschvolle Zeitungsumblättern.

Die Sprechstundenhilfe ruft Frau Müller auf. „Frau Müller – wo ist Frau Müller?“ „Frau Müller hockt aufm Klo“, sagt der junge Mann mit den Ohrstöpseln. „Die hat Dünnpfiff, fügt er hinzu. Deshalb ist sie hier! Seit gestern hat sie die Schieteritis!“ Die Wartenden reagieren panisch. Durchfall? Wir sind wegen Grippe, Coronavirus und ähnliche Quälgeister hier! Nicht auch noch Magen- und Darmviren!

„Hoffentlich desinfiziert Frau Müller sich ihre Hände…“ sagt mein Nachbar „…und das Klo gleich mit!“ bemerkt die Hütchen-Dame. „Hier holt man sich mehr weg als man mitgebracht hat!“

Das Wartezimmer leert sich – die mit den falschen Wimpern und ich sind nur noch übrig, als die Sprechstundenhilfe erneut im Türrahmen auftaucht und sagt: „Tut mir leid, den Doktor hat es erwischt! Der hat Erkältung, wir haben ihn nach Hause geschickt – melden Sie sich in einer Woche, dann verabreden wir einen neuen Termin!“ Im Weggehen murmelt sie: „Gute Besserung für Sie…“

13.02.2020

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