Igitt, wir haben Mäuse!

Nee, nicht die Nager mit den braunen Knopfaugen, vier Beinen und flauschigem Fell. Wir haben Wollmäuse in diversen Grautönen, total zierliche Gebilde aus Staub und Fusseln, flauschig und weich. Von diesen Mitbewohnern tummelt sich eine ganze Kolonie im Bettkasten unseres Bettes. Wenn man ihn aufklappt fangen sie sofort an, zu flattern und bei jedem Windzug zeigen sie, wie toll sie fliegen und tanzen können.

Doch wer will diese Kameraden schon sehen und ihre Künste bewundern?

Drum muss es ihnen von Zeit zu Zeit an den Kragen gehen und das geht am besten mit einem feuchten Schwamm und der Allzweckwaffe mit dem kräftigen Saugrüssel!

Staubsauger und ScotchBritt befinden sich in Hab-Acht-Stellung, wollen loslegen und warten gespannt auf den Anpfiff. Drum Klappe auf – Unternehmen Wollmäuse die Erste!

Ach, da ist das Nackenstützkissen, das ich schon seit langem suche und die Flanell-Bettwäsche, die hätten wir im Winter gut gebrauchen können! Das aufblasbare Gästebett, Bettdecke und Kopfkissen – alles von Wollmäusen umzingelt und belagert. Die von Oma Else bestickten Tischdecken, Handtücher in diversen Blautönen, orange und gelb in allen Größen vom Badetuch bis zum Waschlappen fein säuberlich in durchsichtige Folie luftdicht verpackt – alles liegt friedlich nebeneinander im Bettkasten. Seit Jahren befinden sie sich im Dornröschenschlaf, still und unaufgeregt und warten, was das Wäscheschicksal für sie noch bereithält. Ob ich wohl das Bad mal wieder anders farbig dekorieren sollte? Handtücher sind genug vorhanden – Duschvorhänge, wie ich gerade sehe, ebenso!

Und da sind auch die zwei Weihnachtskeksdosen – die hatte ich überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Merke ich mir, denn die nächste Adventsbäckerei steht garantiert ins Haus!

Aufräumen ist lästig, kenne niemanden, der das mag. Aber irgendwie ist es auch total spannend und aufregend, schließlich stolpert man über Vieles, von dem man gar nicht mehr wusste, dass man es überhaupt noch hat.

So auch die weit über hundert Jahre alte gehäkelte Tischdecke aus Fallschirmseide. Oma Else hat die riesig große naturfarbene Handarbeitsdecke bereits von ihrer Mutter geerbt. Zwei Weltkriege hat das Teil überlebt und sieht heute noch aus wie gerade fertiggestellt und niegelnagelneu. Unkaputtbar hat Oma Else immer betont und allem Anschein nach hat sie recht behalten. Selbst die Wollmäuse trauen sich an dieses Nostalgie-Unikat nicht ran und machen ehrfürchtig einen großen Bogen um diese alte Dame.

Meine Güte, da sind ja die ollen Fotoalben – im wahrsten Sinne des Wortes uralt! Opa Franz, total stolz vor seinem neuen Auto, ist auf einem vergilbten graubraunen Foto aus den späten zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu erkennen. Etwas abseits steht Oma Anna im hochgeschlossenen dunklen Kleid mit Stehkragen und an den Füßen trägt sie Stiefeletten die sehr edel aussehen. Sie sieht sowieso vornehmen aus. Reich waren sie damals, ihnen fehlte es an nichts, weiß ich von Papa Karl, der Junior des gutsituierten Schlossermeisters.

Oh nein, mein erstes Fahrrad und dann meine Schultüte! Fahrrad azurblau und glänzend blank geputzt, Schultüte groß und bunt – beides viel zu groß für mich.

„Was gibt’s heute eigentlich zu essen und wann gibt’s denn was?“ Herrjeh, meinen Mann habe ich echt vergessen. Beim Aufstöbern der Wollmäuse und beim Anblick des alten Krempels und beim Rumstöbern habe ich die Zeit total vergessen…

„Willste dir nicht vorab mal ne Stulle schmieren – ich hab hier noch ein Weilchen zu tun!“ vertröste ich ihn und widme mich dem dicken abgegriffenem schwarzgrauen Aktenordner. Was ist hier denn alles fein säuberlich abgelegt? Oh, mein erstes Schulzeugnis, mein Freischwimmerzeugnis, Religionszeugnisse, meine Impfbescheinigungen, die Endrechnung der Fahrschule für meinen Führerschein! Wie lange das alles her ist – auch die Einladung zu meiner Volljährigkeitsparty finde ich im Ordner. Das war vielleicht ein Fest damals im Garten! Die laute Musik hat die Nachbarn genervt und leere Flaschen fanden meine Eltern noch Monate später an allen möglichen und unmöglichen Orten.

Was ist denn in dieser Leinentasche wohl drin? Das darf doch wohl nicht wahr sein – da ist das handgeschriebene Kochbuch von Oma Else! Oh, ihre Kartoffelpuffer waren köstlich, die eingelegten Heringe konnte nur sie so gut… Ebenso die rote Grütze und der Vanillepudding erst einmal, Erbseneintopf, Linsensuppe und vieles andere nicht minder schmackhaft und einmalig! Diese Kladde ist ein Unikat, ein kulinarisches Schatzkästchen der einfachen und sehr leckeren Küche. Erinnerungen aus Kinder- und Jugendtagen werden wach und ich blättere durch das Heft und finde den köstlichen Hefe-Streusel-Kuchen. Den hat Oma Else immer gemacht, und zwar je nach Jahreszeit und was der Garten an Obst hergab, im Winter mit eingewecktem Obst. Niemals wieder hat jemand für mich so gekocht, wie Oma Else…

So, die Wollmäuse sind im Staubsaugerbeutel, meinem Mann knurrt der Magen, ich erwache so langsam aus der Reise in meine Vergangenheit und draußen regnet es. Eigentlich wollten wir grillen, aber vielleicht sollte ich….

Wetten, dass ich bestimmt was ganz Tolles in Oma Elses Kladde finde, was statt Grillgut auf den Teller kommt, sowohl meinem Mann schmeckt als auch dem Regenwetter gerecht wird?

05.05.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.