Goldkrone vs. Jim Beam – ein deutsch-deutsches Treffen

Oma Else hat den Fall der Mauer nicht mehr erlebt. Sie hätte sicherlich unmittelbar ihren Geburtsort Zeestow, gleich hinter der Mauer am westlichen Spandauer Stadtrand, besucht. Das lütte Dörfchen mit mehr Schweinen als Einwohnern, war vor Mauerbau öfter Ziel unserer Ausflüge ins Umland. Dort bewirtschafteten ihre beiden älteren Brüder und ihre Mutter einen kleinen Bauernhof, der nichts abwarf, aber sie immerhin vorm Verhungern bewahrte.

Wustermark, Brieselang, Dyrotz – alles kleine Dörfer, deren Namen mir von Kindesbeinen an geläufig waren und alle lagen an der alten B5, sozusagen Spandaus Verbindungsstraße gen Westen.

Jetzt war die Mauer weg, die Vopos hinter den Büschen auf der B5 auch und man durfte ungestraft einen Abstecher in die Zonen-Pampa machen. Die Ortschaften gab’s noch, wie damals zu Oma Elses Zeiten. Jetzt waren sie noch trostloser, noch farbloser, noch ärmlicher! Oder kam es mir nur so vor, weil sich Kindheitserinnerungen mit meinem bisherigen Leben im großen schillernden West-Berlin vermischten?

Bei der restlichen Verwandtschaft in Ost-Berlin sah es auch nicht besser aus. Das DDR-Grau mit dazugehörender Trostlosigkeit, verkommenen Häusern, schlechten Straßen und misstrauischen dreinblickenden Menschen dominierte. Exkursionen in den Osten wurden auch nicht viel besser, als das Frühjahr 1990 mit frischem Grün den Arbeiter- und Bauernstaat überzog.

Kurzum dort gefiel es mir nicht, trotzdem wollte ich die Ostfamilie gerne treffen, drum lud ich meine Cousinen mit Partnern zu mir nach Hause ein und meine Westverwandtschaft gleich dazu. Tante Hilde kam mit Sohn Fredi, meine Cousine Gitta mit ihrem Günni. Ebenfalls kam meine Mama Lena und meine beste Freundin Hannelore dazu. Schon tagelang vorher ging ich einkaufen und begann mit den Vorbereitungen fürs rustikale Berliner-Büffet. Dann war’s soweit und alle Gäste kamen!

Fünf Cousinen plus zwei Männer pellten sich umständlich aus ihren Klamotten und sofort roch es so typisch nach DDR. Die Reinigungs- und Waschmittel waren dafür verantwortlich und nicht zuletzt die chemischen Zusammensetzungen der Ost-Textilien. In null-komma-nix waberte eine Geruchsmischung aus Trabi-Abgasen und dem Mief einer Vopo-Kontrollstelle durch meine Wohnung.

Nach und nach trudelten auch die anderen Gäste ein, die unmittelbar die Nasen rümpften und den Wunsch äußerten, ihre Jacken ins Schlafzimmer legen zu dürfen.

Auch nach einem kräftigen Begrüßungsschluck – wovon die eine oder der andere gerne einen zweiten oder dritten orderte – kam weder Stimmung in Gang, noch irgendwelche Gespräche auf, also zumindest mit der „neuen“ Verwandtschaft nicht. Die Wessis waren viel kommunikativer, fragten dies und das, zeigten sich interessiert und neugierig. Die Sippe von drüben blieb wortkarg, doch das machte allem Anschein nach durstig. Die süffeln ganz schön was weg, stellte meine Mutter lakonisch fest und hielt sich weiter an ihrem Eierlikörglas fest.

Das Büffet ist eröffnet, verkündete ich und bat meine Gäste, kräftig zuzulangen. Was ist das denn, war die am meisten gestellte Frage, gefolgt von Feststellungen wie: Die Buletten machen wir aber anders! Was habt ihr denn am Kartoffelsalat dran? Wir braten die Heringe immer! (Mit Heringen waren übrigens Matjes aus einem exzellenten Fischladen gemeint.) Meine vielfältig und unterschiedlich zubereitete Gemüsepräsenz fand keinen Zuspruch, Obst schon gar nicht. Dafür tauchte die Frage, habt ihr keine Bananen auf und vermisst wurde auch die Ananas aus der Dose.

Wie das Urteil zur Mitternachtssuppe ausfiel, weiß ich nicht, denn die stellte ich gar nicht zum Aufwärmen auf den Herd!

Bier, klare und braune „Kurze“ hingegen fanden großen Zuspruch, schmeckten bestens und lockerten die Zungen unserer Verwandtschaft von drüben. Leider nicht uns Wessis gegenüber, aber untereinander tauschen sie Erlebnisse vom letzten Ostsee-FKK-Urlaub aus, was auf Renis Datscha los ist und wohin sie gerne reisen würden, wenn sie denn Geld hätten!

Nur mein Cousin Fredi wurde bevorzugt behandelt, der war seit ewigen Zeiten bei der West-Berliner S-Bahn als Zugfahrer beschäftigt und das war Musik in östlichen Ohren. Schließlich gehörte die S-Bahn immerhin dem Ost-Berliner Magistrat.

Das anhaltende Stimmungstief ließ sich selbst durch lockere Musikuntermalung nicht beeinflussen, denn Disco-Fox traf auch nicht den Geschmack meiner Gäste aus Friedrichshain und Prenzelberg. Sie vermissten die Mucke von Frank Schöbel, Karat, den Puhdys und anderen Vertretern aus dem Land des real existieren Sozialismus.

Meiner (West-)Cousine Gitta hingen schon Fransen aus den Mundwinkeln, denn sie versuchte unermüdlichen verbale Kontakte zu Ost-Cousine Helga und ihrer Schwester Ruth aufzubauen. Als auch sie ihren Themenkatalog ohne sichtlichen Erfolg abgearbeitet hatte, warf sie die Flinte ins Korn und beschloss gemeinsam mit Günni, diese Runde zu verlassen. Mama Lena schloss sich den beiden an und dann dauerte es maximal noch eine Stunde und der misslungene Versuch einer Familien-Zusammenführung zwischen Ost und West war Schnee von gestern!

Einen weiteren Versuch hatte ich niemals wieder unternommen. Lediglich zu Cousine Ruth hatte ich wiederholt Kontakt – aber das ist eine andere Geschichte!

24.06.2020

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