Hilfe – ich brauch nen Groschen!

Wissen Sie noch? Ach so, Sie waren in den Achtzigern noch gar nicht geboren. Dann können Sie sich ja gar nicht erinnern. Vor dem – was heute die „Wende“ genannt wird – war das deutsch-deutsche Verkehrsverhältnis „ein wenig“ anders. Die Autofahrtstrecke von Hannover nach Berlin – da gab es nichts mit Schengen und so. Das war ähnlich, wie heute noch zwischen Nord- und Südkorea! Und egal, ob man beabsichtigte etwas zu schmuggeln, zu schnell zu fahren oder dort zu überholen, wo man es nicht durfte – als Westdeutscher hatte man immer ein schlechtes Gewissen.

Das war nicht wirklich Angst. Man wollte ja möglichst alles richtigmachen. Aber die Schikanen lauerten geradezu hinter jedem Busch. Auch und vor allem dort, wo man es nicht erwartete. Beispielsweise auch für die vier Asiaten, die schon bei der Einfahrt in den DDR-Kontrollpunkt in der Schlange vor uns aussteigen wollten. Warum auch immer … kurz vor der Passkontrolle standen sie mit ihrem Mietwagen wieder in der Schlange vor uns.

Und dann querte Frau Oberleutnant – in Reitstiefeln, passender Hose, blond und bestaussehend. Sofort sprangen zwei der Asiaten aus dem Wagen, zückten ihre Fotoapparate und lichteten die Genossin ab. So schnell konnten wir im Wagen dahinter gar nicht gucken, wie alle vier aus dem Fahrzeug „verholt“, und – vier-Mann-vier-Ecken – in der Waagerechten den Kontrollpunkt verließen. Ein Grenzer fuhr mit dem Mietwagen hinterher und in wenigen Minuten war der Vorfall Geschichte.

Aber das war es gar nicht, was ich Ihnen erzählen wollte. Ich fuhr, schön immer mit Tempomat und 100 km/h, auf der Strecke von Helmstedt nach Berlin. Es war Sommer, warm, ich hatte mittags gut gegessen und saß so gegen drei Uhr und voller Vorfreude auf einen Kaffee in Westberlin beinahe ein bisschen schläfrig hinter dem Lenkrad. Plötzlich ein Grummeln im Bauch. Sie kennen das und Sie wissen: Wenn ich dem jetzt nachgebe, passiert ein Unglück!

In derselben Sekunde taucht vor mir das Schild Raststätte auf. Gerettet! Der riesige Parkplatz ist völlig frei, wie evakuiert. Ich fahre direkt vor die Klotür und springe aus meinem Auto. Drei Schritte bis zur Klotür und – 10 Pfennig WEST! Ein Blick ins Portemonnaie – nur ein 50-Pfennig-Stück. Beim Weg aus dem Toilettenhäuschen knallen mir die Knie schon verdächtig aneinander… Gleich nebenan ist der Intershop. In diesen Geschäften verkaufte die DDR Westwaren zu Westpreisen und gegen Westgeld. Auch der Laden ist leer.

„Gehören Sie zu einer Reisegruppe? Wenn nicht, dann dürfen Sie hier nicht parken!“ Die junge Frau in dem schmuddeligen graublauen Kittel hätte ich eigentlich ganz freundlich um Wechselgeld bitten wollen. Doch jetzt? Blitzschnell war mir klar: Höflichkeit war in dieser Minute nicht gefragt! „Entweder Sie wechseln mir jetzt diesen Fünfziger oder ich scheiße Ihnen auf den Tresen!! Hatte ich das wirklich gesagt? Ja!

Wie der geölte Blitz war ich mit meinen Groschen in der Toilette verschwunden.

Als ich mit deutlich gelösterem Gesicht Minuten später das Gebäude verließ, stand bereits ein baumlanger Volkspolizist vor mir. Hinter ihm ganz offensichtlich schadenfroh der graublaue Kittel. Dem Vopo habe ich die Geschichte erzählt wie Ihnen jetzt. Als ich danach in meinen Wagen stieg, lachte der immer noch.

wok

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