Von Miss Marple, Hercule Poirot und der Stasi

Völlig geräuschlos trat Frau Nachbarin durch die offene Terrassentür hinter den großen immergrünen Kirschlorbeer. Ihre Ohren wurden länger und länger, mutierten zu riesigen Schalltüten. Lediglich ein Hörrohr fehlte zum besseren Verständnis der drei Leute, deren Unterhaltung sie belauschte. Ähnlich wie Agatha Christis Detektivin Miss Marple lugt sie versteckt durch die dicht belaubte Hecke, um nur kein Wort der Drei zu versäumen.

Ob sie neugierig ist, oder gar eine Lizenz zum Bespitzeln hat, ist unbekannt. Aber sie erinnert an einen gut funktionieren „Blockwart“. So nannte man die Typen in der DDR, die Familie und Nachbarn bespitzelten und „nach oben“ Meldung machten.

Das sind Nachbarn selbstverständlich heutzutage nicht, denn weder die DDR noch die Stasi existieren noch.

Noch zwei Monate, dann jährt sich der Tag der deutschen Einheit zum dreißigsten Mal. Jeder von uns hatte seither schon DDR-Déjà-vu-Erlebnisse. An dieser Stelle ist die Feststellung, die-Älteren-unter-uns-erinnern-sich, zweifellos gut angebracht, die Jüngeren nur aus Erzählungen und mittlerweile vergilbten Fotos oder Filmen.

In der DDR gab’s jede Menge freiwillige, informelle, bezahlte und andere Mitarbeiter, die für die Stasi tätig waren und die kamen aus allen Bevölkerungsschichten.

Die unzähligen „Blockwarte“ bespitzelten Arbeitskollegen, Familienmitglieder, Nachbarn, den Milchmann, die Bäckersfrau, die HO-Verkäuferin und den Eckkneipen-Budiker und meldeten Erspähtes, Fotografiertes und Gesprochenes an die „Firma Horch & Guck“.

Viele taten das freiwillig, andere wurden dazu missbraucht, gezwungen oder gar erpresst. Es gab jede Menge Gründe, für die Staatssicherheit zu „arbeiten“ und manchmal lockte lediglich der schnöde Mammon, den die Stasi für Informationen zahlte.

Die Stasi sammelte Infos über alles und jeden. Mielke und Co. wussten immer, welche Genossen und Genossinnen Besuch, Post und Pakete aus dem Westen bekamen. Prostituierte berichteten an ihren Führungsoffizier, wer worüber auf der Matratze liegend welche Geheimnisse ausplauderte. Überall hatten die Wände Ohren – egal, wo immer man in der Republik war! Selbst im Tal der Ahnungslosen hat das bestens funktioniert.

Erst zu Wendezeiten und lange danach erfuhr so manch ein Bespitzelter erst aus den Akten der „Gauck-Behörde“, welche Zecke in „aussaugte“.

Mittlerweile sind drei Jahrzehnte vergangen, die Bevölkerung beider Staaten hat sich vermischt, einer kommt von „drüben“, der andere ist „geborener Wessi“.

Viele hatten mit den Machenschaften der „Firma Horch & Guck“ absolut nichts am Hut. Andere sind von Natur aus einfach einfach neugierig.

Den meisten Bundesbürgern geht’s an der Schulter vorbei, was ihre Mitmenschen tun und lassen und sie folgen lieber dem Rat des Preußischen Soldatenkönigs. Denn schon der Alte Fritz hatte vor langer Zeit seinen Untertanen nahelegte, dass jeder nach seiner Fasson selig werden sollte.

Nur der eine oder andere Nachbar pfeift auf diesen Leitsatz – seine Antennen stehen dauerhaft auf Empfang. Doch keine Panik, der will nicht spionieren, der ist vielleicht nur detektivisch wachsam, oder ein ganz klein bisschen voyeuristisch unterwegs!

07.08.2020

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