Corona hin, Corona her – die Strandlust ist nun leer!

Der Pleitegeier hat erbarmungslos zugeschlagen und das stolze Flaggschiff der Vegesacker Hotel- und Gastronomie mit voller Breitseite erwischt. Die Strandlust ist dicht, stand gestern in der Zeitung. Was nun passiert steht in den Sternen, die des nachts hoch über der Weser leuchten. Seit 1898 war die Strandlust der regionale Leuchtturm, der nun aufgehört hat zu strahlen, zu blinken. Der Stern ist untergegangen.  

Viele (Ur-)Einwohner werden nun wehmütige, dicke Krokodiltränen heulen und Unmengen von Taschentüchern vollschneuzen, sich an Vergangenes erinnern, dass sie in der Strandlust im Laufe von Jahrzehnten erlebten. Von A wie Adventskaffee mit Opa Rudi bis Z wie zwanzigsten Hochzeitstag von Elfie und Kalle hat jeder was zu berichten. Ganzjährig steppte dort der Bär, die Walfischflosse vor der Terrasse klatschte im Takt dazu, wenn die Musik spielte und das Tanzbein geschwungen wurde.

Selbst ich habe Erinnerungen, obwohl ich die alte Lady Strandlust erst seit einem guten Jahrzehnt kenne. Allerdings ist meine Rückschau ambivalent, denn wie immer im Leben ist nicht alles optimal und nur positiv. Als Hotelgast habe ich im stattlichen Domizil genauso Erfahrungen gesammelt, wie beim Kaffeetrinken auf der Terrasse, beim Brunchen zwischen den Jahren und beim alltäglichen Frühstück. Auch das Frischgezapfte abends an der Bar mit illustrem Publikum gefiel mir, ebenso die Live-Musik im Garten mit Pommes und Bratwurst sowie die spielenden Kinder im Buddelkasten und auch die Schiffe auf der Weser.

Aber noch immer habe ich den betörenden Kuchenduft in der Nase, wenn man das Foyer am frühen Nachmittag betrat. Dieser Wohlgeruch der Konditorkunst gipfelte bei mir im gerade aus dem Ofen geholten Butterkuchen. Das war ein geradezu sinnliches Erlebnis, sogar für mich als eigentlich notorischen Nicht-Kuchen-Esser. Ich wurde ein Fan des Kuchenbüffets. Seither habe ich übrigens verstanden, warum das Beisammensein nach einer Trauerfeier hier in Bremen „Butterkuchenfest“ heißt: Für diese Köstlichkeit aus der Strandlust kann man echt sterben!

Doch schon eine ganze Weile hatte sich das mit den meisterlichen Konditorwaren und dem die Sinne betörenden Duft erledigt. Das mit dem guten Service leider auch, wobei das vermutlich auch eine traurige Begleiterscheinung des heutigen Fachkräftemangels ist.

Na ja, nun ist die Strandlust Geschichte. 122 Jahre mit viel Tradition und noch mehr Weißt-du-noch-Anekdoten existieren nur noch in der Erinnerung der Vegesacker, ihrer Gäste, der vielen Besucher und natürlich all derer, die über all die vielen Jahre den Laden am Laufen hielten.

An der Promenade herrscht nun kulinarisch tiefste Eiszeit. Die Strandlust aktuell geschlossen. Die Gläserne Werft seit knapp zwei Jahren verriegelt und verrammelt.

Kein Essen, kein Trinken, kein Eis, kein Kuchen, kein Pipimachen – kein Nix, kein Garnichts!

So sieht’s an der Promenade aus. Armes Vegesack!

03.09.2020

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