Der Junge wird dreißig, der braucht nix – der hat schon alles!

Mit dreißig ist man nun wirklich erwachsen und längst raus aus den Kinderschuhen. Die Schulbank wurde lange genug gedrückt, die Pubertätspickel und Allüren haben sich verkrümelt. Mit Dreißig ist man wer. Man hat was Anständiges gelernt oder studiert, verdient eigenes Geld und denkt über Hausbau, Familie und Ähnliches nach. Allemal ein guter Grund, ordentlich zu feiern. Freunde und Familie werden eingeladen, es wird eingekauft wie Teufel, denn alle sollen gut essen, niemand soll verdursten und kräftig anstoßen will man selbstverständlich auch, denn dreißig wird man nur einmal!

Das alles trifft auf Menschen zu.

Doch wie sieht es mit dem Geburtstagskind Deutsche Einheit aus? Wie selbstständig ist es an seinem runden Ehrentag?

Ist das Baby von vor drei Jahrzehnten gut geschaukelt, gepäppelt und gepampert oder womöglich falsch gewickelt worden? Hat man den Knirps etwa mit dem Bade ausgekippt oder fiel es bei den ersten Gehversuchen sogar in den Brunnen? Und wie war das mit der christlichen Erziehung oder ist es gar als Heidenkind aufgewachsen? Vielleicht sogar fernöstliche Religionen ausprobiert oder gar rechts abgebogen? Hat es denn immer seinen Bananenbrei aufgegessen und hinterher ein ordentliches Bäuerchen gemacht? Wurde ihm zur richtigen Zeit die Goldkrone aufgesetzt und durfte es sich mit Rotkäppchen vergnügen?

Nach so vielen Jahren ist nicht mehr alles so präsent, da zieht man besser Eltern, Paten und Fotoalben zu Rate…

Wo sind eigentlich die Eltern, Onkel, Tanten, Lehrer und andere wichtige Persönlichkeiten, die unserem neuen Geschwisterchen auf die kleinen Beinchen geholfen haben? Gibt’s denn die Väter und Mütter der Deutsche Einheit überhaupt noch oder sind die längst über die Wupper gegangen? Oh ja, Verwandtschaft und Wegbereiter, die in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Rolle spielten, sind noch ziemlich umfangreich vorhanden. Irgendwie waren alle wichtig, sagen sie und so steht’s auch im Poesiealbum und unter den vielen Fotos. Trotzdem, nicht alle können diesen Ehrentag miterleben, die bedeckt leider der grüne Rasen.

Es waren die Großeltern, die an der Wiege des Neugeborenen Tränen der Freude vergossen und die sich über die Ankunft des neuen Mitglieds unserer Gesellschaft außerordentlich freuten. Fotos von den Opas Helmut und Willy zeigen ihre Ergriffenheit. Schade, dass Uropa Herbert das nicht mehr erleben konnte, der hat im Januar den Löffel abgegeben und ahnte nicht mal was von der Schwangerschaft!

Die Eltern des neuen Schreihalses waren Stolz wie Bolle und präsentierten ihn nach allen Regeln der Kunst der Allgemeinheit.

Bei dieser Party ging‘s zu, wie seinerzeit in Bethlehem, als Jesus das Licht der Welt erblickte. Zu dessen Geburt kamen Könige und weise Herren von überall her und brachten dem Baby tolle Geschenke. Oben am Himmel leuchteten super helle Sterne und die Eltern vom Lütten waren total happy.

Na und als unser Geschwisterchen vor dreißig Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war’s keinen Deut anders. Furz und Feuerstein kamen aus Deutschland und aller Welt zur Big Party, ließen Sektkorken knallen und jagten vor lauter Freude bunte Raketen in den Berliner Nachthimmel. Onkel Michail wurde von Mütterchen Russland geschickt, Großonkel Francois flog aus Paris ein und Uncle Bush sogar extra übern großen Teich. Also echt, Hinz und Kunz waren da und Geschenke gab’s noch und nöcher. Versprochen haben sie ihm nicht nur das Blaue vom Himmel, sondern auch blühende Landschaften.

Dem Brüderchen soll’s gut gehen, es soll immer ein schönes Auto unterm kleinen Popo haben, tolle Reisen machen, fleißig arbeiten dürfen, jede Menge D-Mark auf dem Konto und in der Hosentasche haben und viele andere schöne Dinge tun und erleben können. Denn schließlich kannte der Knirps noch nichts von der Welt und vom schillernden Glanz auf der anderen Seite des Brandenburger Tores.

Damit die Versprechungen keine leeren Worthülsen bleiben, hat man eigens dafür eine Treuhandgesellschaft beauftragt, alles vom Feinsten in die Wege zu leiten, um es zum Wohle des Kindes, seiner Familie und der großen Sippschaft ordentlich abzuwickeln.

So wuchs unser Geschwisterchen also auf und bald kann es den dreißigsten Geburtstag feiern!

Und sich auf seine Gäste freuen…. oder vielleicht doch nicht?

Ist wegen Corona für den Besuch auch nicht so einfach. Lohnt es sich überhaupt zur Party zu gehen, fragt sich der Eingeladene – also zumindest der, der aus dem Westen, Norden oder Süden der Republik anreist. Wenn man sich nicht umarmen darf, aufs Händeschütteln und Tanzen verzichten muss und auf harte Getränke sowieso – was bleibt dann noch?

Und überhaupt, was wird er den Gästen wohl auftischen? Womöglich Goldbroiler, Soljanka oder Thüringer Bratwurst? Vielleicht Bananen und irgendwelche Südfrüchte und im Hintergrund singt David Hasselhoff „I am looking for freedom…!“ Dann hat der Jubilar sicherlich auch wieder die üblich verdächtigen Redner und Wortjongleure bestellt, die Feiertagsreden halten und von der Realität so weit entfernt sind, wie die Sonne von Mutter Erde.

Muss man ihm was schenken – aber was braucht so ein Dreißigjähriger?

Dem geht’s bestens, der hat alles! Gute Ausbildung, ist um die halbe Welt gereist, fährt ein dickes Auto, hat einen lukrativen Job, eine Ehefrau aus bester Gesellschaft und einen stinkreichen Pfeffersack zum Schwiegervater. Außerdem erbt er ein stattliches Grundstück in der Uckermark von Tante Angela und ein Ferienhaus in der Nähe von Rostock – hat Onkel Joachim ihm bereits überschrieben.

19.09.2020

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