Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben…

…und zu erzählen hat er auch jede Menge!

Hat Oma Else früher immer behauptet und hat damit voll ins Schwarze getroffen. Sie kannte jedenfalls niemanden, der nach einer größeren Unternehmung nichts zu erzählen hatte.

Oma Else war niemals verreist. Für sie war es schon ein aufregendes Highlight, wenn sie zum Bahnhof Zoo oder alle Jubeljahre mal ins KaDeWe fuhr, zumal sie sonst alles per pedes oder mit dem Fahrrad erledigte.

Trotzdem hörte sie unheimlich gerne all denen zu, die aus Rimini, Mallorca, den Bergen und anderen beliebten Urlaubsorten zurückkehrten und ihre Erlebnisse preisgaben. Wie gerne hätte sie auch mal Palmen oder das im Sonnenschein glänzende Meer gesehen, obwohl tief in ihrem Herzen sie nichts von anderen Ländern und Sitten hielt. Die kochen auch anders als wir, pflegte sie immer dann festzustellen, wenn jemand von Dünnpfiff und anderen Querelen auf Reisen in ferne Länder geplagt wurde.

Meistens sparte Oma Else auch das Geld für die Straßenbahn und nach Möglichkeit auch für den Vorortzug, wenn sie ihre Freunde und Bekannte in Zeestow und Brieselang besuchte. Was zu Fuß oder Fahrrad machbar ist, wird gemacht, beschloss sie und hielt sich eisern daran und wer mit ihr mitwollte, musste sich ihr anpassen oder zuhause bleiben.

Für Oma Else war ein Besuch im Berliner Zoo bereits eine Reise, die sorgfältig vorbereitet werden wollte. Leckere Käse-, Wurst- und Schmalzstullen wurden verpackt, die Thermoskanne mit Tee gefüllt und in ihrer Tasche verstaut. Hinzu kam ein Waschlappen, der bei Bedarf unterwegs angefeuchtet werden konnte, zumal sie mit Servietten nichts am Hut hatte. Wenn ihre Tasche all das beinhaltete, was ihrer Meinung nach zu einem Zoobesuch gehörte, warf sie sich in Schale. Ihren Kopf zierte ein rotbraunes Etwas, das man Kapotthut nannte, dazu das farblich passende Halstuch aus Kunstseide und je nach Wetterlage entweder ihre gute Jacke oder den etwas zu knappen Mantel. Beides hatte die besseren Tage längst hinter sich – ebenso die dunkelbraunen Schnürschuhe, die trotz des Alters wie gerade aus dem Schuhgeschäft gekommen glänzten.

Auf dem kurzen Weg zur Straßenbahn sinnierte sie hörbar, ob sie denn auch alle Utensilien eingepackt hat, die unerlässlich waren. Mama Lena beruhigte sie und verwies auf die Eis-, Wurst- und Getränkebuden, die überall im Zoo zu finden sind, falls es wirklich an irgendeiner Stelle mit der Versorgung haperte. Bimmelnd bog die Bahn um die Ecke. Einsteigen, hinsetzen und mit lautem Quietschen setzte sich die Straßenbahn in Bewegung. Der Schaffner kam und Papa Karl, der das abgezählte Fahrgeld bereits in der Hand hielt, bezahlte.

Viel zu sehen gab’s in den folgenden 45 Minuten auf dem Weg von Spandau zum Berliner Zoo und selbst das ständige Quietschen der Straßenbahn und das laute Ausrufen der Haltestellen minderten die Vorfreude auf die kommenden Zoo-Erlebnisse kein bisschen.

Bereits von der Zoo-Kasse aus, sahen wir die großen grauen Dickhäuter, die mit ihren Rüsseln einladend winkten. Shanti war der Boss der Elefanten. Nach ihm richteten sich die anderen und allem Anschein nach, auch der Tierpfleger. Shanti machte Männchen wann er wollte, hob den Pfleger auf seinem Rüssel in die Höhe und bugsierte ihn nach einigen Augenblicken sanft wieder auf den sandigen Boden zurück.

Wir besuchten das Flusspferd Knautschke, den Seeelefanten Roland und amüsierten uns königlich bei den Robben, die gerade gefüttert wurden und total lustige Kunststückchen vollbrachten, um einen Fisch zu erlangen.

Dann beharrte Oma Else auf einer Pause und wir besetzten die nächstfreie Bank. Liebend gerne hätte ich ein Negerkuss-Eis gegessen oder eine Sinalco getrunken – stattdessen gab’s Pfefferminztee und mitgebrachte Stullen!

Danach statteten wir Johnny einen Besuch ab. Er war zu Zeit der älteste Menschenaffe im Zoo – ein respektabler Kerl, der sein Domizil im Affenhaus hinter dicken Eisenstangen hat. Besucher, die sich trotz Absperrung, viel zu nah heranwagten, klaute er gerne mal Hut oder Schal oder bewarf sie kackfrech mit Bananenschalen oder Dreck. Andere Artgenossen hielten freiwillig gebührenden Abstand zu ihm – er war nun mal der Boss im Affenhaus! Lediglich die Damen umschwärmten ihn und mit denen amüsierte er sich auch sichtbar. Oma Else stellte lakonisch fest, dass das Affenhaus wohl eher einem Freudenhaus gleicht und dabei schmunzelte sie süffisant.

Endlich kamen wir an einer Eisbude vorbei und Papa Karl spendierte eine Runde für alle und Oma Else beklagte, dass sie vermutlich vom vielen Laufen schon Blasen an den Füßen hat. Trotzdem, wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch alle Tiere sehen, verkündete Mama Lena und weiter ging es. Pinguine, Löwen, Tiger, Wölfe, Steinböcke, Rentiere, Vögel und viele andere Zwei- und Vierbeiner bestaunten wir.

Am Ende stand nur noch das Aquarium mit Spinnen, Käfern und anderem Krabbelzeug, Schlangen und Fischen auf dem Zettel.

Kaum saßen wir in der Straßenbahn schlief Oma Else ein und schnarchte wie ein Bierkutscher und sämtliche Fahrgäste drehten sich empört zu uns um. Wir grinsten nur und taten so, als würde die ältere Dame mit der auffallenden Kopfbedeckung gar nicht zu uns gehören.

Am nächsten Tag nahm Oma Else mich mit zum Einkaufen und in jedem Geschäft schwärmte sie von unserem Sonntag im Zoo und das klang kein bisschen anders, als die Ferienberichte anderer Urlaubsheimkehrer.

So ist das nun mal, wenn einer eine Reise tut…und wenn’s nur mit der Straßenbahn ist!

11.10.2020

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