Und schlägt der Arsch auch Falten…

Er blickt in den Spiegel, runzelt die Stirn und ärgert sich, dass da Falten und Fältchen mitten auf der Stirn prangen. Die könnten sich doch woandershin verkrümeln. An den Pobacken und am Bauch wäre Platz genug, da sieht man sie wenigstens nicht. Außerdem ist das Gewebe dort dehnbar wie Schlüpfergummi – es wächst sozusagen mit seinen Aufgaben. Ihm fällt der Volksmund-Spruch ein: Und schlägt der Arsch auch Falten, wir bleiben doch die Alten! Welch Unsinn, wenn der Arsch Falten schlägt, sind wir die Alten, mit dreißig oder vierzig ist das Hinterteil faltenfrei!

Aber sonst ist er doch ganz zufrieden mit sich und seinem Spiegelbild. Seine Haare muss er nicht kunstvoll von einer zur anderen Seite drapieren, noch sind genug davon vorhanden. Na gut, ein bisschen Knie blinzelt in der Kopfmitte schon durch. Aber wenn er so richtig geradesteht und mit seinen eins neunzig in die Höhe ragt, dann sieht kaum einer den Makel. Nur beim Bücken – aber das ist ein anderes Thema!

Er denkt an die Geburtstagskarte von damals. Auf der stand, dass er nun ins „knackige Alter“ kommt – das war zum Fünfzigsten! Und nun? Zwanzig Jahre später knacken die Knochen manchmal schon echt verdächtig. Ähnlich wie im Wald, wenn man durchs Unterholz kraxelt, da knirscht und knackt es auch verdächtig-geheimnisvoll.

Auch die Brille mit dem schmalen Silberrand kleidet ihn und passt ausgesprochen gut zu den silbergrauen Haaren. Sie gibt ihm was Intellektuelles, so was Kluges, so über-den-Dingen-stehendes. Jedenfalls war diese Sehhilfe eine absolut gute Wahl, die seine Persönlichkeit unterstreicht – positiv natürlich!

Hinzu kommt die von der Sommersonne gebräunte Haut…

Ihm gefällt sein Konterfei! Da kann sich manch ein Jüngerer eine Scheibe von abschneiden, lobt er sich. Irgendwie stimmt bei ihm noch alles und darauf kommt’s an. Seine Frau ist von seinem Knackarsch, wie sie sein Hinterteil liebevoll nennt, nach wie vor begeistert!

Und überhaupt, was sind siebzig Jahre? Siebzig ist die neue Fünfzig – oder ist es die Sechzig? Egal, irgendwie so oder so ähnlich stand es neulich auf dem Werbeplakat für Urlaub mit dem Wohnmobil.

Siebzig Jahre sind eine lange Zeit. Da gab’s viel zu entdecken, zu lernen, zu genießen, Freud und Leid waren Wegbegleiter. Gute Zeiten, schlechte Zeiten trifft’s auf den Punkt, wenn er die Jahre resümiert. Viel hat er von der Welt gesehen, hat geliebt, gelacht, geweint, fühlte sich sauwohl, manchmal auch belämmert – aber so ist nun mal das Leben! Rückblickend ist er zufrieden mit sich und dem Erreichten und….

Sein Smartphone klingelt. Der erste Gratulant heute Morgen – wer mag es wohl sein? Unbekannte Nummer – es ist der Klempner wegen der Wasseruhr, die macht nämlich seit Tagen merkwürdige Geräusche. Also heute kommt er nicht, irgendwann im Laufe der nächsten Woche gibt er sich die Ehre.

Nun steht er vorm weit geöffneten Kleiderschrank. Sag mal, was soll ich denn anziehen, Schatzi?

Was Legeres, antwortet Schatzi, wir bleiben doch zuhause. Schon vergessen: es ist Corona!

Ach ja, stimmt – wir brunchen zuhause mit Lachs und Prosecco und abends Tapas und ein Glas Rotwein.

Mit siebzehn hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume tönt Peggy March aus dem Radio. Stimmt, damals hatte man die! Und heute – gute fünfzig Jahre später? Sind da noch Träume übrig? Na klar sind da noch welche! Man müsste beispielsweise noch mal…. Telefonklingeln unterbricht seinen Gedankengang. Im Display steht eine unbekannte Nummer. Wer ist das denn? Er überlässt es dem AB, wozu hat man ihn. Hey du altes Haus, biste noch am Schlafen? Glückwunsch und alles Liebe – wir sehen und hören uns! Uli ist es – dass der immer an den Geburtstag denkt! Jedes Jahr ruft der an, irgendwie ne treue Seele…

Es duftet wundervoll nach Kaffee! Auf dem Tisch stehen zwei Kaffeepötte, sogar an Blumen hat sie gedacht – wie schön das aussieht – obwohl es nur eine kleine Rose und ein paar Rosmarinzweige sind. Schon lange schenken sie sich nichts mehr, sie haben alles und was sie brauchen, kaufen sie sich. Leckeres Essen ist ihre gemeinsame Passion! Essen ist der Sex des Alters, sagt Schatzi immer und schmunzelt dabei süffisant, geht’s ihm durch den Kopf. Wo war er mit seinen Gedanken vorm Telefonklingeln bloß stehengeblieben? Hat er wohl vergessen… war bestimmt nicht so wichtig!

Das ist nun der Siebzigste. War’s das oder kommt da noch was, fragt er sich!

Schatzi kommst du, ich hab Kaffee eingegossen….

23.10.2020

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